Biogra­fie­por­trät Iris Thiel

Dr. Heike Jacobsen

Dr. Heike Jacobsen

» Musik und Sprache sind die Wurzeln meiner Kindheit. Ich tauchte in die Welt der Sprache, Klänge und Musik ein und fand darin meine wahre Heimat. Mit fünf Jahren lernte ich lesen und Klavier spielen. «

Dr. Heike Jacob­sen

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Porträt

Iris Thiel

Tänze­rin und Koordi­na­to­rin

Biogra­fie­por­trät Iris Thiel

Ich hab mich gerade mit der Stadt versöhnt.“ Iris Thiel kommt mir nicht wie erwar­tet aus der Bahnhofs­halle, sondern aus der Fußgän­ger­zone entge­gen. Vor über 20 Jahren zog sie aus der beschau­li­chen Schweiz zum Studium nach Deutsch­land – und war schockiert. Die Stadt erschien ihr bedroh­lich, die Konkur­renz unter­ein­an­der war groß. Mitte Vierzig ist sie jetzt, könnte durch­aus für Mitte Zwanzig gehal­ten werden. Sie trägt eine dunkle Samthose mit Blumen­mus­ter, flache graue Schuhe, ein rotes Shirt, darüber eine graue Strick­ja­cke und eine hellblaue Regen­ja­cke, einfach, bequem, praktisch. Den Hals wärmt ein blauer Schal. Der strub­be­lige braune Pagen­kopf und die eckige Brille wirken fast mädchen­haft, allein eine kleine steile Falte über der Nasen­wur­zel lässt erahnen, dass sie keine Studen­tin mehr ist. Leicht­fü­ßig geht sie neben mir her, als würde sie sich mit jedem Schritt lieber vom Boden absto­ßen, als zu lange auf ihm zu verwei­len. Tänze­rin wollte sie damals werden, ihren großen Traum verwirk­li­chen, erzählt sie, während wir im Garten des vegeta­ri­schen Restau­rants Platz nehmen.

Ich habe immer nur gelit­ten und hatte keine Ahnung, was mit mir los ist“, beginnt sie. „Mein ganzes Leben lang habe ich mich einsam gefühlt und gedacht, dass alle in Ordnung sind und nur mit mir etwas nicht stimmt.“ Das Thema Hochsen­si­bi­li­tät begeg­nete ihr zum ersten Mal vor drei Jahren. Hatte sie davor noch auf Heilung gehofft, trug sie jetzt ein Etikett, das sich nicht mehr entfer­nen ließ. Das anzuneh­men war ein langer Prozess. Iris Thiel spricht leise, mit kaum merkli­chem Akzent, isst bewusst langsam, lächelt zurück­hal­tend. Als Prima­bal­le­rina, die trotz Lampen­fie­bers physi­sche, psychi­sche und künst­le­ri­sche Höchst­leis­tung im Schein­wer­fer­licht der Bühne abruft, kann ich sie mir schlecht vorstel­len.

Mein Vater hat die Ausbil­dung hier an der Musik­hoch­schule zwar finan­ziert, war aber dagegen. Er hat mich nie tanzen sehen“, bedau­ert sie. Vielleicht ahnte er die Strapa­zen, denen seine Tochter sich ausset­zen würde, den Druck, die Existenz­angst, den erbit­ter­ten Kampf um die besten Rollen. „Ich wollte es unbedingt, aber es war zu hart für mich, vor allem mensch­lich“, urteilt Iris Thiel heute. „Die Mädchen haben sich sogar mit den Spitzen­schu­hen geprü­gelt. Anfangs waren wir 15, am Schluss noch fünf.“ Eifer­sucht und Missgunst waren an der Tages­ord­nung, kein Klima für eine eher intro­ver­tierte Hochsen­si­ble. In der Welt der Kunst zu leben, zu den Klängen der Musik götter­gleich im Äther zu wandeln und das Publi­kum zu verzau­bern, davon träumte sie. Ernüch­tert musste sie feststel­len, dass man sie trotz guter Leistun­gen nicht als Bühnen­typ beurteilte – zu wenig Ehrgeiz, zu wenig Biss. „Es gibt kein Leben für mich ohne Tanz, das war ein Weltun­ter­gang. Eigent­lich wollte ich keinen der üblichen Berufe ergrei­fen, sondern in meiner Welt leben, aber ich bin ziemlich auf die Nase gefal­len“, muss sie sich einge­ste­hen. „Die künst­le­ri­schen Berufe sind heute ganz hartes Business.“

Erste Ballett­stun­den erhielt sie erst mit 11 Jahren, zu spät für eine Bühnen­kar­riere. Schon damals kämpfte sie gegen entmu­ti­gende Kommen­tare an: „Das schaffst du nicht mehr. Du bist zu alt.“ Sie biss sich durch, verfolgte hartnä­ckig ihr Ziel und litt. Ein Jahr vor der Abschluss­prü­fung packte sie und fuhr zurück nach Hause. Iris Thiel schlug den Weg ein, den ihr Vater für sie vorge­se­hen hatte. „Wenn du die höhere Handels­schule absol­vierst, zahle ich anschlie­ßend deine Tanzaus­bil­dung.“ Das war damals seine Bedin­gung. Heute ist sie froh über das zweite Stand­bein, das sich ihr so eröff­nete: „Im Nachhin­ein sehe ich, dass es gut für mich war. Eltern wissen schon, wie das Leben aussieht“, räumt sie ein. Dennoch blieb sie inner­lich auf der Suche nach dem Beson­de­ren, dem Spezi­el­len, ein einfa­cher Bürojob wäre einer inneren Kapitu­la­tion gleich­ge­kom­men. Zwei Jahre lang unter­rich­tete sie Tanz, lebte mehr schlecht als recht, bis die Entschei­dung im Raum stand, eine Ballett­schule zu überneh­men. Sie zögerte, wollte sich nicht festle­gen und reiste erst einmal nach Spanien, um die Sprache zu studie­ren und Überset­ze­rin zu werden. Neben­bei wollte sie sich im Flamenco üben – ein Chassé zur Seite auf der Bühne ihres Lebens. „Im Sommer bin ich einen Monat dort gewesen und es hat mich einfach gepackt. Ich wusste, jetzt kommt das Nächste. Daraus sind drei Jahre Spanien gewor­den.“

Sie lebte bei einer netten Familie, aber für den Flamenco war sie nicht am richti­gen Ort. Wieder kämpfte sie um ihren Studi­en­platz, setzte sich mit der spani­schen Bürokra­tie ausein­an­der, bis sie fast zusam­men­brach: Schwin­del, Sehstö­run­gen und Übelkeit gaben ihr jeden Morgen das Gefühl, keine Kraft mehr zu haben. Aufge­ben wollte sie dennoch nicht, überfor­derte sich und ging über ihre Grenzen. Iris Thiel kehrte zum zweiten Mal in die Schweiz zurück. Aber diesmal bot ihre Heimat ihr kein Zuhause mehr, die Ehe der Eltern war zerbro­chen, ihre Freunde hatten sich von entfrem­det, sie fühlte sich völlig auf sich gestellt, einsa­mer denn je. Es ging ihr schlecht. Heute fragt sie sich, warum sie sich damals keine Hilfe holte. Vielleicht hatte sie sich an das Gefühl gewöhnt, perma­nent kämpfen zu müssen, sich zu veraus­ga­ben und zu erschöp­fen. „Du hast nur dich und du schaffst das“, war ihr Motto. Vielleicht wuchsen ihr auf diesem Weg auch neue Kräfte zu.

Sie suchte sich einen Brotjob, ging arbei­ten, kam nach Hause, legte sich vor den Fernse­her, ging schla­fen, riss sich zusam­men, ging zur Arbeit, ging schla­fen. Für mehr Leben reichte es nicht. Zwei Jahre dauerte es, bis sie sich wieder besser fühlte. Was ihr in der Zeit Kraft gab? „Immer hörte ich die Stimme in mir, die sagte: ‚Du schaffst das‘“,sagt sie und isst ein wenig. Wir schwei­gen.

Dann habe ich die Stelle gewech­selt, wollte etwas anderes sehen, aber es ging schief“, erinnert sie sich. „Das ist immer so: Eine Stelle muss stimmen, sonst geht es nicht. Und das kann ich vorher nicht testen.“ Das erträumte Flair von Weltof­fen­heit und dem Gebrauch ihrer Spanisch­kennt­nisse sah sie in dem großen Export­un­ter­neh­men schnell enttäuscht: Stupide gab sie stunden­lang Zahlen in Bestands­lis­ten ein. Herzli­che Kolle­gen, eine vertrau­ens­volle Atmosphäre und eine Rückzugs­mög­lich­keit, um unbeob­ach­tet und selbst­stän­dig arbei­ten zu können, das sind wesent­li­che Krite­rien für Iris Thiel, um sich wohl zu fühlen. Sie braucht einen Vorschuss an Sympa­thie, dann steigt sie ein und gibt ihr Bestes. Lange zweifelte sie an sich selbst, verlangte von sich zu funktio­nie­ren, diszi­pli­niert, gnaden­los. Ihr Regal ist gefüllt mit Selbst­hilfe-Büchern, gehol­fen haben sie ihr nicht. Wieder fühlte sie sich beobach­tet, bewer­tet und für nicht gut genug befun­den. Wieder hatte sie das Gefühl zu versa­gen, stellte sich die Frage, wie es weiter­ge­hen sollte.

Sie kündigte und wechselte nach einer kurzen Episode in einer Zeitar­beits­firma die Branche: Contre­temps – Richtungs­wech­sel. Sie ging zu einem Konzern für Schwei­zer Käse, und musste am ersten Arbeits­tag feststel­len, dass die Kolle­gen sie misstrau­isch beäug­ten und hinter ihrem Rücken über sie redeten. „Das kostet so viel Kraft“, sagt sie. Ihr Essen ist längst kalt. Es macht ihr nichts aus. Sie hat sich dazu erzogen, alles in Ruhe zu machen. „Fünf Monate später habe ich gekün­digt. Ich konnte nicht mehr.“ Wen sollte sie wegen fehlen­der Atmosphäre verkla­gen, welcher Betriebs­rat hätte sie gegen mangelnde Sympa­thie seitens der Kolle­gen schüt­zen können? Iris Thiel stand wieder mit dem Rücken zur Wand, die Angst um ihre Existenz im Nacken. In Bewer­bungs­ge­sprä­chen verkauft sie sich als kompe­tent, motiviert und teamfä­hig. „Ich hab nie Angst, solange sie mich nicht einstel­len, kann mir nichts passie­ren“, schmun­zelt sie. „Wieder zu Hause angekom­men, denke ich, dass ich das nicht leisten kann.“

Über eine Stellen­ver­mitt­lung erhielt sie Arbeit in einer Baufirma und landete einen Glücks­tref­fer: „Ganz liebe Menschen, abwechs­lungs­rei­che Arbeit, ich wollte mir nicht mehr antun, die Stelle zu wechseln.“ Sie hoffte endlich anzukom­men, blieb elf Jahre und überhörte anfangs noch geflis­sent­lich die Fragen und Zweifel, die an ihr nagten. Sollte das alles gewesen sein? Wo blieb das Beson­dere, das sie vermisste, das ihr wirklich entsprach? Das Gefühl, ihr Leben zu verpas­sen, wurde stärker. Neben dem Beruf tanzte sie Flamenco, lernte Gitarre spielen, fand darin die ersehnte Erfül­lung.

Nach elf Jahren habe ich beschlos­sen zu kündi­gen. Das war ein Prozess von vier Jahren: Ich trau mich, ich trau mich nicht.“ Iris Thiel zögerte lange, das angenehme Umfeld aufzu­ge­ben. Einer­seits verdiente sie gut, wusste, was zu tun war, und mochte die Kolle­gen. Anderer­seits zeigte ihr Körper mit deutli­chen Sympto­men, dass etwas nicht stimmte. „Ich habe meine Maske aufge­setzt und mich zusam­men­ge­ris­sen. In der Zeit war ich oft beim Arzt, aber ich konnte mich nieman­dem anver­trauen“, gibt sie offen zu. Sie ging zwar zu Vorstel­lungs­ge­sprä­chen, sagte anschlie­ßend aber die Offer­ten wieder ab, bis sie eine Stelle in der Medien­bran­che erhielt, ein kreati­ves Umfeld, das ihr spannend erschien.

Das war der absolute Horror! Dort gab es kaum Struk­tur“, musste sie schnell feststel­len. Sie war vom Regen in die Traufe geraten. Der große Stress überfor­derte sie schnell. Sie ging abends erschöpft nach Hause und stand morgens müde wieder auf. Als sie mit Grippe im Bett lag, bot man ihr eine Stunden­re­duk­tion an. Aber Iris Thiel wollte nicht klein beigeben. Schließ­lich ging es um ihre Existenz. Sie erhielt die Kündi­gung und eine Abfin­dung. „Es war mir egal. Inner­halb von fünf Minuten war ich eine große Sorge los“, lacht sie.

Was schon einmal als passa­bler Weg erschien, um dem Auf und Ab von Jobwech­sel und Kündi­gung zu entkom­men, sollte ihr diesmal wieder neuen Élan geben: ein Auslands­auf­ent­halt. Iris Thiel ging für zwei Monate nach Frank­reich, um ihre Sprach­kennt­nisse aufzu­fri­schen. Als wagemu­tig oder abenteu­er­lus­tig sieht sie sich nicht. „Ich hab viel Angst, aber wenn ich etwas will, dann muss es passie­ren“, erklärt sie. Vorder­grün­dig suchte sie ihre Chancen im Beruf zu verbes­sern, insge­heim trieb sie die Suche nach dem inneren Glück an. Zurück in der Schweiz, sah es zunächst so aus, als wäre ihr Plan aufge­gan­gen: Sie erhielt Einla­dun­gen zu 20 Vorstel­lungs­ge­sprä­chen. Aber Iris Thiel traute sich nicht mehr, eine Stelle anzuneh­men. Zu schmerz­lich waren die Erfah­run­gen der vergan­ge­nen Jahre, sich immer wieder einzu­las­sen, die innere Unruhe zu fühlen und mit dem Gefühl, keinen Platz in der Welt zu finden, heimat­los zurück­zu­blei­ben. „Ich kann nicht unend­lich viel leisten und muss immer schauen, ob ich das schaffe“, sagt sie. Die Angst vor dem Versa­gen war groß, ihr Selbst­wert­ge­fühl schwach. „Ich kann nichts, ich habe immer versagt. Ich kann gerade überle­ben“, verur­teilt sie sich. Ihre Hochsen­si­bi­li­tät erlebt sie als Feind im Innern, als Strafe, die sie daran hindert, sich zu entfal­ten, als perma­nen­ten Kampf.

Wie viel sie bereits gemeis­tert hat, sieht sie nicht, denke ich. Folge­rich­tig sagte sie heraus­for­dernde Positio­nen ab und suchte sich eine Arbeit, die sie von den Anfor­de­run­gen her bereits kannte und inner­lich Atem holen lassen sollte. Sie fühlte sich einsam, machte sich größte Vorwürfe. „Warum funktio­niert es nicht, wenn ich doch mutig Neuan­fänge wage und alles gebe?“, fragte sie sich verzwei­felt. „Ich bin durch­aus leistungs­fä­hig, wenn die Bedin­gun­gen stimmen.“ Fünf Monate hielt sie durch, diszi­pli­niert, willens­stark und unglück­lich. Dann wechselte sie die Branche. Jetzt arbei­tet sie mit einem guten Chef in einem netten Team, fühlt sich angekom­men, kann sich endlich entfal­ten.

Sie hätte sich gewünscht, ihr künst­le­ri­sches Talent zu verwirk­li­chen. Sie hätte sich mehr Unter­stüt­zung erhofft. Mit einem Mann an ihrer Seite wäre es leich­ter gewesen, denkt sie – Pas de deux. „Bisher habe ich noch nieman­den getrof­fen, der mich so versteht.“ Sie fühlt sich doppelt so stark belas­tet wie andere. Sie muss für ihre Gesund­heit sorgen, ihre Arbeits­kraft erhal­ten, ihre Existenz sichern, ganz allein. Manch­mal erlebt sie ihre Hochsen­si­bi­li­tät als Strafe, oft als Last, selten als Gabe. Vielleicht wird ihr noch einmal die Liebe begeg­nen, hofft sie. „Ich glaube daran, dass ich diesem beson­de­ren Menschen noch begeg­nen werde“, sagt sie und lächelt. Immer­hin hat sie kurz vor unserer Verab­re­dung einen Kolle­gen ins Vertrauen gezogen, der sich dafür inter­es­sierte, was sie in Deutsch­land zu tun hätte. „Ich sag dir jetzt etwas. Du bist der erste Mensch, der das weiß: Ich bin hochsen­si­bel“, wagte sie sich vor. „Er war sehr inter­es­siert und das war ein gutes Gefühl.“ Sich nicht mehr verste­cken zu müssen, die Maske der vermeint­li­chen Stärke abzuneh­men und sich akzep­tiert zu fühlen war eine Erfah­rung, die sie erstaunt hat.

Es wird langsam kühl im Garten. Wir wechseln den Platz und setzen uns zu einer Dame an den großen runden Tisch. Lautes Stimmen­ge­wirr und klappern­des Geschirr machen ein ruhiges Gespräch fast unmög­lich. Ich frage mich, wann Iris Thiel aus der Haut fährt, mache mir Sorgen, ob ich ihr zu viel zumute. Sie widmet sich in Ruhe ihrem Essen, während die Dame ein ausgie­bi­ges Schwätz­chen mit einer Bekann­ten, die vor unserem Tisch stehen bleibt, hält. „Das Wort hochsen­si­bel stört mich“, nimmt Iris Thiel das Gespräch wieder auf. „Es müsste einen kompli­zier­ten Begriff geben, der andere dazu veran­lasst, mehr erfah­ren zu wollen.“

Iris Thiel muss mit ihrer Energie haushal­ten. Was für andere eine Kleinig­keit ist, wühlt sie auf. Es geht darum, den Tag durch­zu­ste­hen. Am besten gelingt ihr das mit Achtsam­keit, Affir­ma­tio­nen und Medita­tion. Alles Künst­le­ri­sche gibt ihr Kraft. Für Freund­schaf­ten bleibt nicht mehr viel Raum. Sie geht auf Distanz, wenn sie spürt, dass man zu viel von ihr verlan­gen könnte. Die Dame an unserem Tisch hebt die Stimme, um ihre Bekannte zu verab­schie­den und einen Herrn an ihre Seite zu bitten. Iris Thiel spricht ruhig weiter. Der Lärm scheint sie nicht aus der Fassung zu bringen. Vielleicht sollte ich auch meditie­ren, denke ich und schlage vor, nochmals den Tisch zu wechseln. Wir bleiben gemein­sam in Bewegung – auf der perma­nen­ten Suche nach den besten Bedin­gun­gen und dem richti­gen Platz.

Iris Thiel will endlich zu sich stehen, will sich öffnen und von ihren Erfah­run­gen als Hochsen­si­ble erzäh­len. Seit ihrer Kindheit lebt sie in dem Gefühl, nicht normal zu sein. „Das Nerven­sys­tem ist überreizt“, sagte der Arzt damals in den Siebzi­ger­jah­ren und wusste nicht, wie man der Kleinen helfen sollte. „Es war immer klar, dass das niemand wissen durfte. Aber jetzt will ich endlich darüber sprechen. Und wenn es in einem Buch steht, werden andere Hochsen­si­ble sich verstan­den fühlen und wird das Thema vielleicht ernst genom­men“, hofft sie.

Der Wille, Großes zu leisten, ist stark, aber ihre Hochsen­si­bi­li­tät setzt ihr Grenzen, die sie nicht überschrei­ten kann, ohne überreizt zu sein. Iris Thiel hat ihre Wohnung als warme Rückzugs­oase ganz indivi­du­ell gestal­tet. Das Schönste für sie: Tür zu – Ruhe. Sie mag Gesell­schaft, erzählt lebhaft und gerne. Aber wenn ihre Kräfte nachlas­sen, sie das Gefühl hat, inner­lich zu schrump­fen, muss sie sofort gehen können. Medika­mente nimmt sie nicht. Ein Glas Wein, ab und zu etwas Fleisch, das beruhigt und erdet. Sie will es schaf­fen, aus eigener Kraft. Zurzeit absol­viert sie eine Coaching­aus­bil­dung, erlebt, dass sie nicht länger ausge­schlos­sen ist, sondern ihr vermeint­li­cher Makel als Poten­zial anerkannt wird. „Ich möchte nur von dir gecoacht werden. Du hast so ein gutes Gefühl für Menschen“, sagte eine Teilneh­me­rin ihr. Iris Thiel strahlt. „Ich kann das.“ Die neue Heraus­for­de­rung könnte heißen: Steh zu dir und gehöre trotz­dem zu den anderen. Es ist ihr ein Anlie­gen, sich für andere Hochsen­si­ble stark zu machen, mit ihnen in die Tiefe zu gehen. Bald beginnt sie mit ersten Coachings. Vielleicht wird sie Bewegung und Tanz wieder aufgrei­fen, andere an der Fülle ihrer Erfah­run­gen teilha­ben lassen und so bei sich und in der Welt der anderen ankom­men.

Ich möchte so gerne ein Ganzes werden, immer mehr loslas­sen und ein Teil von dieser Welt sein. Ich war so lange von allem abgeschnit­ten“, sagt sie leise. Ein Spatz fliegt in den Raum, verirrt sich, flattert aufge­regt und findet schließ­lich den Weg zurück ins Freie. Iris Thiel sieht ihm nach. Als Kind stand sie am Fenster, schaute in den Sternen­him­mel und spürte, dass es etwas geben muss, was alles bewegt. „Ich weiß, es gibt diese Kraft, von der man nehmen kann, die größer ist als wir. Man braucht auch Vertrauen ins Leben.“ Mir kommen die Tränen. „Ich habe genug gelit­ten, mich weit von mir entfernt. Heute habe ich mehr Kraft als früher, bin näher bei mir. In zehn Jahren möchte ich ganz ich selbst sein, einfach angekom­men“, schließt sie. Sie wird sich ihren Weg bahnen, achtsam, neugie­rig und entschlos­sen – eine Prima­bal­le­rina auf der Bühne des Lebens, die berührt.

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