Biogra­fie­por­trät Elisa­beth Schöne­feld

Dr. Heike Jacobsen

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» Musik und Sprache sind die Wurzeln meiner Kindheit. Ich tauchte in die Welt der Sprache, Klänge und Musik ein und fand darin meine wahre Heimat. Mit fünf Jahren lernte ich lesen und Klavier spielen. «

Dr. Heike Jacob­sen

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Elisa­beth Schöne­feld

Biogra­fie­por­trät Elisa­beth Schöne­feld

Es ist einer der selte­nen sonni­gen Tage in einem verreg­ne­ten Frühsom­mer. Passan­ten schlen­dern durch die Fußgän­ger­zone, genie­ßen ein Eis, bleiben zu einem Plausch mit Bekann­ten stehen, lassen sich in einem der Cafés in der Sonne nieder oder bummeln durch die Geschäfte  ̶  eine Atmosphäre von Urlaub und beschau­li­cher Gangart. Ich kaufe ein kleines Mitbring­sel im Blumen­la­den und eile zurück zur Senio­ren­re­si­denz, die ganz zentral in der Nähe der Einkaufs­straße liegt. Mitten im Leben. Wer nicht mehr gut zu Fuß ist, findet im Haus alles für den tägli­chen Bedarf: Friseur, Fußpflege, Apotheke, Arztpra­xen, eine Bank und ein Restau­rant. Ich melde mich am Empfang und fahre mit dem Fahrstuhl in den dritten Stock. „Herzlich willkom­men! Ich freue mich ja so. Ein inter­es­san­ter Beruf! Das ist ja schon ganz lange geplant.“ Mit strah­len­dem Lächeln bittet Elisa­beth Schöne­feld mich in ihr Appar­te­ment und würdigt mein kleines Röschen. „Das ist aber lieb von Ihnen. Die halten lange, wenn man sie zurück­schnei­det und von unten gießt. Das habe ich von meinem Vater gelernt“, erfahre ich sogleich. Sie ist klein und zierlich, trägt flache Schuhe zum hellen Jeans­an­zug, der gerin­gelte bunte Schal greift das frische Grün ihres T‑Shirts auf. Ein blonder Kurzhaar­schnitt, dezen­ter Schmuck und ein zarter Lippen­stift unter­strei­chen ihre sport­li­che Eleganz. Noch im Flur stehend, beginnt sie sofort lebhaft zu erzäh­len.

Die Residenz habe ich durch meine Eltern kennen gelernt, die hier vor 30 Jahren gelebt haben. Seitdem ist alles renoviert und schöner und heller gestal­tet worden“, berich­tet sie. „Ich bin jetzt ein und ein Viertel Jahr hier und fühle mich sehr wohl, weil der Geist des Hauses einfach stimmt. Jeden Morgen kommt ein Ruf durch die Sprech­an­lage, um nachzu­fra­gen, ob man Hilfe braucht. Der Notfall­kof­fer steht gepackt bereit, ich fühle mich gut betreut.“ Mit hellen und kleinen Möbeln hat sie ihr Appar­te­ment geschmack­voll einge­rich­tet: eine Bücher­wand, vier japani­sche Bilder, ein Sekre­tär zum Briefe­schrei­ben, ein beson­de­rer Lieblings­ses­sel schaf­fen eine kulti­vierte Atmosphäre, ohne dem großzü­gig wirken­den Raum an Leich­tig­keit zu nehmen. Nebenan ein großes Fernseh­zim­mer mit beque­mem Sessel, Schrank und Bett. Der Wohnzim­mer­tisch ist liebe­voll dekoriert, Elisa­beth Schöne­feld brüht frischen Tee auf. „Wenn Sie noch mal kommen, können wir einen Spazier­gang durch den Schloss­gar­ten machen“, schlägt sie vor und schließt die Balkon­tür. Die Straße führt direkt am Haus vorbei.

Sie ist gerne in Bewegung, den Fahrstuhl nutzt sie nur selten. Als Kranken­gym­nas­tin weiß sie, dass das Treppen­stei­gen die Muskel­kraft erhält. „In unserem Alter staucht man beim Abwärts­ge­hen die Wirbel­säule, aber das Aufwärts­ge­hen ist so wichtig. Ich nehme jeden Tag 74 Stufen bis zur dritten Etage, den Fahrstuhl nutze ich nur zum Runter­fah­ren oder um Einkäufe zu trans­por­tie­ren.“ Beim Einzug litt sie unter einer Entzün­dung im Knie, die sie durch völlige Ruhig­stel­lung ausku­rierte. Ihre Geduld zahlte sich aus: Statt sich nach dem Essen hinzu­le­gen  ̶  für viele in ihrem Alter der schönste Teil des Tages  ̶ , unter­nimmt sie lieber jeden Tag einen ausge­dehn­ten Spazier­gang in flottem Tempo, bei dem ihre Mitbe­woh­ner, die bereits auf Gehhil­fen angewie­sen sind, nicht mehr Schritt halten können. Als sie in die Residenz zog, kannte sie nieman­den im Haus, inzwi­schen hat sie sich einen kleinen Kreis von guten Bekann­ten zum Scrabble- und Karten­spie­len oder Kaffee­trin­ken aufge­baut. Zusätz­lich beglei­tet sie gelegent­lich Bewoh­ner, die schlecht sehen können, zu Termi­nen. Elisa­beth Schöne­feld engagiert sich gerne. „Kranke oder gebrech­li­che Menschen waren immer mein beruf­li­cher Lebens­in­halt. Ich sehe die Bewoh­ner im Rollstuhl und weiß, das kommt alles irgend­wann auf mich zu. Deshalb bin ich dankbar, dass ich noch laufen kann und in diesem schönen Ambiente wohne“, sagt sie und erkun­digt sich nach meiner Mutter.

Elisa­beth Schöne­feld serviert Kuchen, springt immer wieder auf, um Tee nachzu­schen­ken, eine aufmerk­same Gastge­be­rin, die das Wohl ihres Gegen­übers im Blick behält.

Geboren wurde sie 1936 im Harz, zwischen Magde­burg und Halle, wo ihr Vater als Landwirt und Saatzüch­ter ein großes Gut bewirt­schaf­tete. „Meine Eltern bekamen zur Hochzeit von ihren Eltern ein Ritter­gut geschenkt mit der Auflage, das großel­ter­li­che Gut in Bründel Plötz­kau zu überneh­men, wenn mein Großva­ter es aus Alters­grün­den nicht mehr bewirt­schaf­ten könnte. Zu dem Gut gehör­ten eine Zucker­fa­brik, eine Brenne­rei, eine Schmiede zum Beschla­gen der Pferde und Käfige, in denen Frett­chen für die Jagd gehal­ten wurden. Mein Großva­ter, Jurist und ebenfalls Landwirt, starb 1941 unerwar­tet an einem Herzin­farkt. So mussten wir plötz­lich auf das Gut des Großva­ters umzie­hen, und mein Vater wurde Domänen­päch­ter auf einem sehr großen Gebiet in Bründel Plötz­kau. Da war ich fünf Jahre alt“, erzählt sie. Elisa­beth Schöne­feld erlebte ihre Kindheit auf dem Land als behütet und gebor­gen. Anna, das Kinder­mäd­chen, umsorgte sie und ihre Geschwis­ter rund um die Uhr, aß mit ihnen, badete sie nach dem Abend­essen, hüllte sie in ihre weißen Bademän­tel und brachte sie ins Bett. Für die Kinder gab es einen Extra­trakt im Haus: ein Spiel­zim­mer, ein Schlaf­zim­mer für die Schwes­tern und ihm gegen­über ein Schlaf­zim­mer für den Bruder. Der Kontakt zu den Eltern, die sich um das Gut kümmer­ten und auch manch­mal für ein paar Tage wegfuh­ren, um Freunde zu besuchen, war distan­zier­ter als heute üblich. Die Kinder waren gut aufge­ho­ben. Perso­nal zu haben galt als selbst­ver­ständ­lich: eine Köchin, eine kalte Mamsell für das Abend­essen, eine Weißnä­he­rin für die Kleidung. „Das klingt großspu­rig, aber im Osten war das damals so“, ergänzt sie beschei­den. Ihre Eltern waren angese­hene Respekts­per­so­nen und Vorbil­der für sozia­les Engage­ment. „Vater sorgte dafür, dass die Arbei­ter in ihren Häusern gut unter­ge­bracht waren. Wenn Vater oder Großva­ter durch die Felder ritt, blieben die Bürger am Wegrand stehen und zogen den Hut.“

Während ihr Bruder in die Bäume kletterte, gelegent­lich auf dem Traktor mitfah­ren durfte, seine Hasen fütterte und ihre Ställe putzte, spiel­ten die Mädchen im Spiel­zim­mer mit ihren Puppen oder fütter­ten ihre beiden Schild­krö­ten, die in einer Grotte im Park Auslauf hatten, mit Salat­blät­tern. Väter­li­cher­seits gab es einige Ärzte in der Familie, und da Elisa­beth Schöne­feld früh von allem Medizi­ni­schen faszi­niert war und selbst als junges Mädchen lange an einer Herzmus­kel­ent­zün­dung und an Nieren­be­cken­ent­zün­dun­gen litt, waren ihre Puppen­kin­der immer „krank“, trugen ein Taschen­tuch um den Hals oder einen Verband am Bein. „Das fand meine Schwes­ter doof und langwei­lig“, erinnert sie sich. Ab und zu machte ihr Bruder sich einen Spaß daraus, mit seiner kleinen Esels­kut­sche hinter der Pferde­kut­sche der Eltern herzu­fah­ren und die kleinen Schwes­tern auf der Rückbank ordent­lich durch­zu­rüt­teln, wenn der Vater den Weg freigab und er mit dem Esel waghal­sige Wende­ma­nö­ver probierte.

Schon als Jugend­li­che war Elisa­beth Schöne­feld sehr sport­lich. Sie mochte Leicht­ath­le­tik, war begabt im Laufen, Werfen, Sprin­gen und wurde von ihrer Sport­leh­re­rin ermutigt. Im Garten der Großel­tern gab es Tennis­plätze. Zwischen zwei Birken im Park hatte ihr Vater eine Schau­kel, ein Reck und Ringe befes­tigt, an denen sie ausdau­ernd turnte und kopfüber die dicken blonden Zöpfe ins Gras hängen ließ. 1942 wurde sie in der Volks­schule in Bründel einge­schult. Eine Zucker­tüte gab es nicht. Das kannte man im Osten nicht. Sie ging sehr gern zur Schule, machte anfangs ihre Schul­auf­ga­ben mit Kreide, Schwämm­chen und Lappen auf einer Schie­fer­ta­fel, später mit Feder­hal­ter und Tinte im Heft. 1944 wurde ihr jünge­rer Bruder geboren, er blieb ein Sorgen­kind der Familie. Während die Welt vom Zweiten Weltkrieg erschüt­tert wurde, erlebte Elisa­beth Schöne­feld im Kreis ihrer Familie eine glück­li­che Kindheit in schöner Landschaft und kulti­vier­ter Umgebung. „Nur als die Schul­wege durchs Dorf im Krieg zu gefähr­lich wurden, hatten wir Hausun­ter­richt von einem Vetter und einer Cousine – Kinder von Vaters ältes­ter Schwes­ter, die in Berlin ausge­bombt waren.“
Die ländli­che Idylle endete 1945 mit der Beset­zung des östli­chen Harzes durch sowje­ti­sche Truppen und die Zuerken­nung von Teilen des damali­gen Deutschen Reiches durch die Alliier­ten an Polen. Großgrund­be­sit­zer wurden enteig­net, und ihr Vater erhielt von seinem Rechts­an­walt in Halle den dringen­den Rat, das Gut sofort zu verlas­sen und die Familie in abseh­ba­rer Zeit an einen verein­bar­ten Treff­punkt nachzu­ho­len. Man munkelte von There­si­en­stadt und Lagern für Zwangs­ar­bei­ter. Darüber wurde mit den Kindern nicht gespro­chen. „Auf dem Land bekamen wir vom Krieg nicht viel mit. Gehun­gert haben wir nie, denn Vorräte gab es genug. Wir konnten sogar noch die Schwes­ter meines Vaters mit ihren zwei Kindern aufneh­men, als ihr Mann fiel.“ Elisa­beth Schöne­feld springt auf, schnei­det den Käseku­chen in kleine Stücke und schenkt Tee nach. „Wir essen das alles auf, aber so sieht es etwas vorneh­mer aus“, erklärt sie lachend.

Mit neun Jahren musste sie mit ihrer Familie auf die Flucht gehen, um das Land den Polen zu überlas­sen. Im Oktober war ihr Vater bereits mit dem Fahrrad Richtung Göttin­gen zu seiner Mutter geflo­hen, drei Tage vor Weihnach­ten wurde der Rest der Familie ausge­wie­sen. „Wir treffen uns bei Großmama. So war es verab­re­det“, erinnert sie sich. „Meine Schwes­ter hatte damals eine Mittel­ohr­ent­zün­dung und weinte vor Schmer­zen. So erhielt meine Mutter die Berech­ti­gung, mit einem ärztli­chen Attest ihres Vetters in der Tasche und uns Kindern an der Hand zur Behand­lung in eine Göttin­ger Klinik zu reisen.“ Das Kinder­mäd­chen, Anna, beglei­tete sie bis zum Bahnhof in Halle. Dann trenn­ten sich ihre Wege. Die Verbin­dung blieb dankbar und freund­schaft­lich. Anna bot an, den jüngs­ten Bruder vorüber­ge­hend zu sich und ihrer Tochter in Pflege zu nehmen, bis die Verhält­nisse sich etwas konso­li­diert hatten. Zwei Jahre lang kümmerte sie sich um den Kleins­ten ̶ ein treuer Dienst, den die Eltern ihr ihr Leben lang hoch anrech­ne­ten. Die Flucht glückte. Den Tornis­ter mit der Aufschrift Elisa­beth Küster will nach Walken­ried vorm Bauch, wurde sie mit anderen Kindern durchs Fenster in eines der überfüll­ten Zugab­teile gehoben. In Walken­ried wollten sie zunächst Station bei Verwand­ten ihrer Mutter machen. Mit dem letzten Inter­zo­nen­zug von Halle nach Braun­schweig erreich­ten sie den Westen. Endsta­tion Braun­schweig: Der Bahnhof eine Ruine, es war bitter­kalt und schneite hinein. „Ich weiß noch, dass wir Kinder stunden­lang alleine warte­ten, während meine Mutter auf dem Bahnhof umher­lief und in der Hoffnung, etwas über den Verbleib der Familie zu erfah­ren, Fremde ansprach. Wir Mädchen weinten, mein Bruder versuchte uns zu beruhi­gen. Wie meine Mutter es schaffte, Kontakt mit ihrem Vetter, der vom Nachbar­gut Ilbers­tetz nach Wolfen­büt­tel geflo­hen war, wieder­auf­zu­neh­men oder meinen Vater Paul zu finden, weiß ich nicht. Ich vermute, dass sie Verbin­dungs­leute aus Wolfen­büt­tel auf dem Bahnhof ausfin­dig gemacht hat.“ Elisa­beth Schöne­feld klingen immer noch die Sätze aus den Erzäh­lun­gen ihrer Mutter im Ohr: „Hier ist Rosie, wo ist Paul?“ Stille. Dann: „Paul steht neben mir.“ Sie weiß, dass ihr Vater gerade zu der Zeit in Wolfen­büt­tel war. Fragmente, Spuren, Unerklär­li­ches aus dem Dunkel der Kriegs­wir­ren. Das Wichtigste: Die Familie fand sich wieder. Man hatte überlebt und war wieder zusam­men. Mit äußerst knappen und beschei­de­nen Mitteln began­nen Elisa­beth Schöne­felds Eltern wieder ein recht norma­les Famili­en­le­ben aufzu­bauen.

1948 erhielt ihr Vater, der die Saaten­an­er­ken­nung in Nieder­sach­sen machte, ein Saatzucht­gut in Monsheim bei Worms angebo­ten. „Dort zogen wir in ein für uns Kinder wunder­schö­nes Gutshaus ein. Für meinen Vater war es eine große Umstel­lung, als Angestell­ter zu arbei­ten und mit nichts in der Hand dazuste­hen. Meine Mutter, die es gewohnt war, der Köchin die Speise­pläne vorzu­ge­ben, kochte selbst. Nach dem Abitur hatte sie ein Jahr lang die Maiden­schule besucht, wollte eigent­lich Musik studie­ren.“ Die Kinder brach­ten gute Noten nach Hause und erreich­ten so eine Freistel­lung vom Schul­geld. Die Verhält­nisse zwangen zur Beschei­den­heit und hielten lange Zeit Wünsche und Ansprü­che im Zaum. Nach dem Abitur hätte Elisa­beth Schöne­feld gerne Medizin studiert, aber es war ihr bewusst, dass ihre Eltern nicht allen Kindern ein Studium ermög­li­chen konnten. So verzich­tete sie und wechselte zur Kranken­gym­nas­tik, zu einem damals noch ganz unbekann­ten Fachge­biet. Im Nachhin­ein war es für sie die richtige Wahl. Elisa­beth Schöne­feld liebt ihren Beruf, hat sogar nach Eintritt des Renten­al­ters ehren­amt­lich weiter­ge­ar­bei­tet und gerät ins Schwär­men, wenn sie darüber spricht. Man könnte sie wohl nachts wecken, und ihr würden noch die passen­den kranken­gym­nas­ti­schen Übungen einfal­len. „Der Beruf ist einfach schön. Ich war beseelt von dem Gedan­ken, anderen Menschen helfen zu können. Der Kontakt mit den Menschen gefällt mir.“

Die Ausbil­dung absol­vierte sie auf den Vorschlag ihrer Großmutter hin in ihrer Nähe in Göttin­gen, weil es dort eine sehr gute Kranken­gym­nas­tik- und eine der wenigen Atemschu­len gab. Nur zu gerne folgte sie diesem Ruf. „Großmama spielt in meinem Leben eine wichtige Rolle. Unter ihren 14 Enkel­kin­dern nannte sie mich immer ihr Herzblätt­chen. Ich habe sie unend­lich geliebt“, sagt sie und nimmt einen Schluck Tee. „Ich mache meine ganze Kranken­gym­nas­tik immer in Verbin­dung mit der Atmung und bin fest davon überzeugt, dass das hilft“, erläu­tert sie und zeigt mir, wie man richtig in den Bauch atmet. „Genau wie die Atmung verlau­fen die Bewegun­gen in einer Sinus­kurve. Spannungs­übun­gen mit der Atmung zu verbin­den ist für viele Patien­ten ungewöhn­lich, aber sehr wirkungs­voll. Wer das verin­ner­licht, der hat auch etwas davon. Hatten Sie schon einmal Kranken­gym­nas­tik?“, erkun­digt sie sich voller Inter­esse. Ich kenne Probleme mit der Halswir­bel­säule. „Da könnte ich auch dran!“, bietet sie spontan an, ganz in ihrem Element.

Die Ausbil­dung bestand aus Vorle­sun­gen an der Univer­si­tät, prakti­schen Übungen am Kranken­bett, Sport und Bewegung. Gerne erinnert sie sich an diese schöne Zeit und die vielen abend­li­chen Besuche bei ihrer Großmama. Von ihr, die selbst als Frau eines Profes­sors für Gynäko­lo­gie das Allein­sein kannte, lernte sie, wie wichtig es ist, sich einen engen Kreis von Freun­den und Freun­din­nen aufzu­bauen, gute, langjäh­rige Freund­schaf­ten zu pflegen und auch über Entfer­nun­gen hinweg aufrecht­zu­er­hal­ten. „Die Männer haben ihren Beruf, ihre Kolle­gen, ihre Corps­brü­der und Freunde.“ Und ihr verdankt sie die Begeg­nung mit ihrem späte­ren Mann, Walter Schöne­feld. „Unsere Großmüt­ter waren schon in Dortmund Kränz­chen­freun­din­nen, und Walter meldete sich bei Großmama zum Besuch an, als er in Göttin­gen war. Großmama erzählte ihm, dass ich gerade mit der Kranken­gym­nas­tik­aus­bil­dung angefan­gen hätte und sie jeden Donners­tag besuchen käme, und lud ihn zum Abend­essen ein. Mir erzählte sie anschlie­ßend von ihm. Dass er Medizin studierte, gefiel mir natür­lich.“

Elisa­beth Schöne­feld war 21 Jahre alt. „Ja, dann kam ich zu Großmama, und da saß er. Am 19.2.1958 lernte ich also meinen zukünf­ti­gen Mann kennen. Wir kamen schnell ins Gespräch, unter­hiel­ten uns gut und waren uns sofort sympa­thisch“, erinnert sie sich. Der Sessel, in dem sie ihn zum ersten Mal sah, nimmt einen beson­de­ren Platz in ihrem Appar­te­ment ein. Ihr Vater hat ihn aus dem Nachlass der Küsters für sie und ihren Mann geret­tet und schön aufar­bei­ten lassen. Sie hält ihn in Ehren. „Großmutter bat Walter dann mich nach Hause zu bringen.“ Er studierte in Tübin­gen Medizin und dachte daran, nach Göttin­gen zu wechseln. „Vier Wochen später traf Großmama ihn auf dem Blumen­markt und lud ihn zum Mittag­essen am Sonntag ein. Mich natür­lich ebenfalls.“ Das Göttin­ger Theater bot damals unter Heinz Hilpert Lesun­gen für Studen­ten zum ermäßig­ten Preis an, und diese kultu­rel­len Veran­stal­tun­gen besuch­ten beide gerne gemein­sam. „Großmutter schenkte uns darauf­hin völlig arglos Karten fürs Theater: Die Heirats­ver­mitt­le­rin von Thorn­ton Wilder!“, lacht sie. Sie unter­nah­men lange Wande­run­gen und fuhren mit dem Motor­rol­ler durch den Harz. Sie waren sich einig und genos­sen ihr Glück.

1959 beendete Elisa­beth Schöne­feld ihre Ausbil­dung, und beide planten nach Bonn zu ziehen. Sie wollte sich eine Stelle im Kranken­haus suchen, er die Univer­si­tät wechseln. Aber beide Väter sprachen ein Macht­wort. Es kam nicht in Frage, in dersel­ben Stadt zu wohnen, solange Walter Schöne­feld noch studierte und sich auf sein Examen vorzu­be­rei­ten hatte. Sie fügten sich und suchten Wege, sich weiter­hin treffen zu können. Nur wenige Kilome­ter von Bonn entfernt fand Elisa­beth Schöne­feld eine Stelle im Kranken­haus in Trois­dorf. Nach der Arbeit musste sie nur mit dem Zug über den Rhein fahren, um ihren Freund zu sehen. „Dass wir uns so oft verab­re­den konnten, haben wir natür­lich den Eltern nicht erzählt“, verrät sie schel­misch. „Das blieb unser Geheim­nis.“

Gesprächs­stoff hatten sie mehr als genug: Sie erzählte ihm von ihren Erfah­run­gen im Kranken­haus, er gab ihr Einblick in medizi­ni­sche Fachthe­men, ließ sie die Ärztli­chen Mittei­lun­gen und seine Physikums­ar­beit lesen. Nach dem Staats­ex­amen erwar­te­ten beide Väter des jungen Paars, dass er noch vor der Hochzeit promo­vie­ren sollte. Wieder hieß es sich in Geduld fassen. „In den letzten Semes­tern hat er gleich­zei­tig seine Promo­ti­ons­ar­beit geschrie­ben, und dann durften wir heira­ten. Wir hatten liebe­volle, aber strenge Eltern. Mein Mann bat meinen Vater förmlich um meine Hand, wie sich das damals gehörte. Wir hatten meine Eltern oft besucht, und mein Mann verstand sich sehr gut mit meinem Vater. Sie spazier­ten durch die Monshei­mer Pfirsich­plan­ta­gen und sprachen abends beim Pfälzer Wein über Landwirt­schaft, Corps­bru­der­schaf­ten und Gott und die Welt. Wir waren glück­lich.“

In Iserlohn fanden sie ein Kranken­haus, das eine Kranken­gym­nas­tin und einen Medizi­nal­as­sis­ten­ten zur Anstel­lung suchte, und Elisa­beth Schöne­feld ließ sich schließ­lich von ihrem Schwie­ger­va­ter überzeu­gen, dass Iserlohn eine schöne Stadt und das Sauer­land nicht das Ende der Welt ist. Sie feier­ten Verlo­bung und heira­te­ten im großen Kreis von Verwand­ten und Freun­den bei Eises­kälte im Februar, denn am 1. März sollten sie in Iserlohn ihre Stellen antre­ten. „Der Bürger­meis­ter bemühte sich bei der standes­amt­li­chen Trauung, Hochdeutsch statt pfälzi­scher Mundart zu sprechen. Anschlie­ßend machten wir noch eine Woche Skife­rien im Schwarz­wald“, erinnert sie sich lächelnd. „Da sind wir tatsäch­lich einge­schneit. Einen Tag kamen wir zu spät“, amüsiert sie sich. Für ein Jahr bezog das junge Ehepaar eine möblierte Mansar­den­woh­nung in Iserlohn und bekam oft Besuch von Elisa­beth Schöne­felds Schwes­ter aus Bonn, die dort eine Stelle als MTA gefun­den hatte. Im Haus wohnten die Vermie­ter und eine junge Familie. Der Bruder der jungen Frau kam ebenfalls häufig aus Bonn zu Besuch. „Wir schlu­gen ihm vor, mit meiner Schwes­ter eine Fahrge­mein­schaft zu bilden. Und so haben wir schließ­lich eine Ehe gestif­tet“, freut sie sich. Die jungen Paare schlos­sen Freund­schaft, unter­nah­men gemein­same Wande­run­gen durchs Sauer­land, und noch heute besucht Elisa­beth Schöne­feld ihre Freun­din aus damali­ger Zeit, die inzwi­schen in einem Senio­ren­heim in Iserlohn lebt.

Nach einem Jahr absol­vierte mein Mann ein Prakti­kum in Göttin­gen. Mich hatte das Kranken­haus gebeten, noch ein Viertel­jahr weiter­zu­ar­bei­ten, als meine Kolle­gin ausfiel. Es hat mir gefal­len, dort sehr selbst­stän­dig arbei­ten zu können. So waren wir für drei Monate getrennt und besuch­ten uns an den Wochen­en­den“, erzählt sie. Schließ­lich bezogen sie eine günstige Wohnung am Stadt­rand. „In Göttin­gen kam dann unser ältes­ter Sohn, Michael, zur Welt. Mein Mann hatte immer das Glück, dass sein Chef ihn überall­hin mitnahm, wenn er einen Ruf an eine andere Univer­si­tät erhielt. So wurde er in seiner wissen­schaft­li­chen Laufbahn immer weiter geför­dert. Dadurch sind wir so oft umgezo­gen.“ Der Umzug in die Residenz war ihr 13. Wohnort­wech­sel. Inzwi­schen fühlt sie sich hier zu Hause.

Elisa­beth Schöne­feld steht auf, um Tee nachzu­schen­ken. „Ich freue mich richtig, dass Sie da sind“, sagt sie und serviert mir noch ein Stück­chen Kuchen.

In München forschte ihr Mann an einem renom­mier­ten Insti­tut, um für seine Habili­ta­tion wissen­schaft­lich zu arbei­ten, während Elisa­beth Schöne­feld zu Hause blieb. „Er führte Messun­gen von Natrium im Urin von Hunden durch, berei­tete seine Hochschul­vor­le­sun­gen vor und ging auch an den Wochen­en­den ins Insti­tut. Zum Teil musste er sogar nachts arbei­ten. Da war ich schon sehr viel allein mit dem Baby. Den anderen Medizi­ner­frauen ging es ähnlich. Wir mussten uns daran gewöh­nen.“ Die Karriere des Mannes ging vor, Zeit für Familie und Freunde blieb damals kaum. Man lebte in sparsa­men Verhält­nis­sen mit der Aussicht, dass es immer nur aufwärts gehen konnte. In der Forschung im Insti­tut zu bleiben kam für ihren Mann dennoch nicht in Frage. Er fühlte sich dazu berufen, wieder an die Klinik zurück­zu­keh­ren und Patien­ten zu helfen. So entschie­den sich beide, wieder nach Bonn zu wechseln. „Das war für mich wirklich schön. Ich bin als Preußin in Bayern nie heimisch gewor­den und konnte nicht wirklich Anschluss finden. Das viele Allein­sein machte mich oft traurig.“ Am Ende der Münch­ner Zeit wurde ihr zweiter Sohn, Peter, geboren. Sie fanden eine schöne Dreizim­mer-Wohnung, ihr Mann fuhr mit dem Auto zur Unikli­nik, habili­tierte sich und wurde mit 36 Jahren zum Profes­sor berufen. „In den ersten Semes­tern hat er ein bisschen gebum­melt. Ich durfte ja als junges Mädchen auch die Feste und Bälle der Corps­bru­der­schaf­ten mitma­chen. Das war schon ein tolles Leben. Später hat er die verlo­rene Zeit durch Fleiß und Ehrgeiz wieder aufge­holt.“ Man etablierte sich. Walter Schöne­feld folgte seinem Chef nach Köln und wurde Oberarzt.

Die junge Familie bezog zunächst eine Wohnung und konnte sich ein Jahr später vergrö­ßern. Elisa­beth Schöne­feld kaufte gerne in einer kleinen Boutique ein und kam mit der Besit­ze­rin ins Gespräch, die einen Umzug plante und ihr Haus zur Miete anbot. „Bis 1981 wohnten wir dort, dann wurden rundum sehr schöne neue Häuser gebaut. Mein Mann ging immer durch die Neubau­ten und schwärmte mir von versetz­ten Treppen und Ebenen vor, aber wir ließen unser Geld lieber den Kindern zugute­kom­men, bevor wir in Eigen­tum inves­tier­ten.“ Sie unter­nah­men gemein­same Reisen, segel­ten, liefen Ski und zeigten ihren Söhnen die schöns­ten Gegen­den. Es war ihnen wichti­ger, zusam­men etwas zu erleben. „Und die Kinder fahren heute mit unseren Enkeln an diesel­ben Orte. Ein schöne­res Danke gibt es doch gar nicht“, resümiert sie.

Nach 15 Jahren als Oberarzt in Köln erhielt Walter Schöne­feld das Angebot, die Kardio­lo­gie in Solin­gen samt Inten­siv­sta­tion zu überneh­men, eine große Verant­wor­tung, die seinen vollen Einsatz forderte. Gemein­sam kauften sie ein Haus in Solin­gen, und Elisa­beth Schöne­feld blieb noch für ein Jahr in Köln, da ihr jüngs­ter Sohn mitten in Abitur­vor­be­rei­tun­gen steckte. In dieser Zeit lernte Walter Schöne­feld seine jetzige zweite Frau kennen. Die Familie war erschüt­tert. „Er war 50. Sie spielte Tennis. Das war für mich eine ganz schreck­li­che Zeit.“ In der Hoffnung, ihre Ehe zu retten und dieses Tief gemein­sam zu überwin­den, zog sie in das Solin­ger Haus. „Ich hatte so viel Gottver­trauen, weil mein Mann damals sagte, es muss ja nicht für immer sein. Ich kam aus einer heilen Welt. Das war ein ganz tiefer Fall“, sagt sie leise. „Aber ich konnte 30 Jahre lang alleine in dem Haus wohnen und er hat alles für mich bezahlt. Nach dem Verkauf des Hauses hat er mich sehr großzü­gig betei­ligt. Deshalb kann ich jetzt hier in der Residenz so schön wohnen. Das rechne ich ihm hoch an.“ Die Söhne waren aus dem Haus und gingen ins Studium, sie fand wieder Arbeit als Kranken­gym­nas­tin. Wie sie den Schmerz der Trennung bewäl­tigte? „Ich habe noch nie so viel in meinem Leben geweint wie die ersten Jahre in diesem Haus. Und ich habe inten­siv inner­lich an mir gearbei­tet. Verste­hen kann ich es bis heute nicht, in gewis­ser Weise verzie­hen habe ich ihm wohl.“ Eine Narbe bleibt dennoch, die Bilanz ist immer wieder schmerz­lich. Eine Verbin­dung mit einem anderen Mann kam für sie nie in Frage. „Was uns beide berührt und wir zusam­men empfin­den, das hätte mir kein anderer Mann geben können. Ich hätte inner­lich immer vergli­chen“, gesteht sie sich ein. Die Schöne­feld­schen Famili­en­feste meidet sie bis heute. „Das kann ich noch nicht.“

Inzwi­schen steht Elisa­beth Schöne­feld wieder in freund­schaft­li­chem Kontakt mit ihrem Ex-Mann und blickt dankbar auf ihre langjäh­rige Ehe zurück. Sie ist stolz auf ihre Söhne, die als Arzt und Unter­neh­mens­be­ra­ter erfolg­reich sind, und eine begeis­terte und liebe­volle Omi für ihre Enkel, die sie gerne im „Omihaus“ besuchen. Den Umgang mit ihnen hat sie ihm nie verwehrt. „Meine Söhne und Freunde stehen immer zu mir. Das stärkt unglaub­lich. Und in Magda­lena und Susanne habe ich vom ersten Tag an ganz liebe­volle Töchter dazuge­won­nen“, erzählt sie. Elisa­beth Schöne­feld ist nicht verbit­tert, bedau­ert aber, dass die Zeit der gemein­sa­men Konzert- und Museums­be­su­che mit ihrem Ex-Mann, die sie sehr genos­sen hat, vorüber ist. Vielleicht findet sie unter den Mitbe­woh­nern in der Residenz hierfür wieder Beglei­tung, hofft sie.

Das Telefon klingelt. Morgen wird sie mit einer Mitbe­woh­ne­rin einen Stadt­bum­mel in Köln unter­neh­men. Nach zwei Stunden Gespräch zeigt Elisa­beth Schöne­feld keiner­lei Anzei­chen von Müdig­keit. „Das ist auch Ihre Ausstrah­lung und die Art, wie Sie zuhören. Da stimmte von Anfang an alles“, lobt sie anerken­nend, „ich hoffe, dass wir in Kontakt bleiben. Sie können mich jeder­zeit anrufen.“ Auf die Feier zu ihrem 80. Geburts­tag im engsten Freun­des- und Famili­en­kreis freut sie sich sehr.

Elisa­beth Schöne­feld liest gerade die Biogra­fie Guido Wester­wel­les, der vor wenigen Monaten im Alter von 54 Jahren an den Folgen einer Leukämie­er­kran­kung verstor­ben ist. Geleb­tes Leben, das sie berührt. Der kostbare Wert der Zeit ist ihr bewusst. Wenn sie zurück­blickt auf bald 80 Jahre und sich fragt, was ihr immer wieder Kraft gab, sieht sie ihre Eltern als großes Vorbild dafür, wie man im Leben durch schwie­rige Umbruchs­pha­sen kommt, in denen man schein­bar vor dem Nichts steht. „Meine Mutter sagte mir: ‚Elisa­beth, du musst lernen, an deine innere Stimme zu glauben und Vieles mit dir selbst auszu­ma­chen.‘ Das hat mir gehol­fen. Und ich glaube, dass jeder Mensch einen Schutz­en­gel hat, der ihm zur Seite steht. Du musst aber auch deinen Teil dazutun und immer nach vorne sehen.“

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