Biogra­fisch schrei­ben: 1. Die innere Haltung

Die Motive, seine Biogra­fie schrei­ben (lassen) zu wollen, sind vielfäl­tig und indivi­du­ell. Manch­mal führt uns ein Schock, ein Unfall, eine Diagnose vor Augen, dass unsere Lebens­zeit begrenzt ist und wir unsere ganz persön­li­che Erfah­rung weiter­ge­ben wollen. Manch­mal stehen wir an einem Wende­punkt im Leben und möchten mit der Vergan­gen­heit bewusst abschlie­ßen, uns versöh­nen, etwas hinter uns lassen, um mit frischer Kraft die nächs­ten Schritte zu machen. Oder wir sind stolz auf das bisher Erreichte und erfreuen uns und andere damit, immer wieder einen Blick auf die zurück­ge­legte Strecke, auf diese einzig­ar­tige Geschichte werfen zu können.

Das Erzäh­len der eigenen Geschichte ist immer verbun­den mit dem Erinnern an Vergan­ge­nes, aber auch mit dem Entwurf unserer selbst in die Zukunft hinein. Wer wir gewor­den sind, woher wir kommen und wohin wir gehen wollen – das sind die Kernfra­gen, die mitschwin­gen, wenn mir jemand von sich erzählt.

Waren Sie schon einmal in einem Konzert und hatten plötz­lich das Gefühl, an etwas Größe­rem als der Abfolge von Melodie, Rhyth­mus und Harmo­nie teilzu­ha­ben, ein Gesamt-Kunst­werk zu erleben? Ich sehe die Biogra­fie jedes Menschen wie ein Kunst­werk an. Auf einer Ebene zeigen sich seine Taten, Handlun­gen, auch äußere Gegeben­hei­ten und Bedin­gun­gen, die wir vorfin­den, Begeg­nun­gen, Erfah­run­gen, Erleb­nisse, die sich in zeitli­cher Abfolge ereig­nen und auch so erinnert werden. Das würde ich Erleb­nis­bio­gra­fie nennen.

Auf einer anderen Ebene ist jeder Mensch, ob ihm das bewusst aufleuch­tet oder unbewusst bleibt, einge­bun­den in etwas, das größer ist als er selbst. Wir sind Teil einer Familie, einer Genera­tion, einer Natur, Kultur und Zeitge­schichte auf unserer gemein­sa­men Erde und überstei­gen all dies doch gleich­zei­tig durch unsere eigene Persön­lich­keit, die sich entfal­tet und in großen mensch­heit­li­chen Rhyth­men wie auch ganz indivi­du­ell entwi­ckelt und entfal­tet. Das würde ich Entwick­lungs­bio­gra­fie nennen.

Beide spielen inein­an­der und bilden das Gesamt-Kunst­werk unseres Lebens, das wiederum Teil des Leben­di­gen überhaupt ist und in dem wir Akteur, Regis­seur und Zuschauer sind, vermeint­lich einem Drehbuch folgen, überra­schende Wendun­gen erleben, Höhen genie­ßen, Großes erseh­nen, Abstürze erlei­den, Tiefen durch­ste­hen und meistern und an allem reifen. Nichts war verge­bens, nichts ist verlo­ren. Erleb­nis- und Entwick­lungs­bio­gra­fie verwe­ben sich so zu einem Ganzen, aus dem einzelne Statio­nen wie licht­volle Klänge heraus­tö­nen, wieder­keh­rende Themen und Motive wie Melodien auftre­ten und wieder absin­ken, Strecken an Tempo gewin­nen, von langsa­men Rhyth­men abgelöst werden und in schein­ba­ren Pausen große innere Richtungs­wech­sel zu neuen Harmo­nien vorbe­rei­tet werden.

Wenn ich mit jeman­dem im Gespräch bin und tief zuhöre, erscheint es mir manch­mal so, als könnte ich beide biogra­fi­schen Ebenen wie eine musika­li­sche Parti­tur vor mir sehen, Haupt-Motive heraus­hö­ren und etwas vom Kunst­werk Leben dieser Persön­lich­keit erfas­sen. Mit wertschät­zen­dem Blick auf unsere Begeg­nung und meine Resonanz auf sie schreibe ich anschlie­ßend das biogra­fi­sche Porträt oder Buch. Das ist meine innere Haltung gegen­über jeder Biogra­fie: Stille Ehrfurcht vor dem Kunst­werk Leben.

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