Biogra­fie­por­trät Anton Anonym

Dr. Heike Jacobsen

Dr. Heike Jacobsen

» Musik und Sprache sind die Wurzeln meiner Kindheit. Ich tauchte in die Welt der Sprache, Klänge und Musik ein und fand darin meine wahre Heimat. Mit fünf Jahren lernte ich lesen und Klavier spielen. «

Dr. Heike Jacob­sen

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Porträt

Anton Anonym

Versi­che­rungs- und Finanz­wirt­schaft

Biogra­fie­por­trät Anton Anonym

Anton Anonym lebt auf einem Dorf in der Nähe von J. Er stammt aus dem Nachbar­ort. Hier hat er vor 20 Jahren gebaut. Hier ist sein Revier. Von hier aus zieht er seine Kreise. Wir sitzen im Garten unterm Kirsch­baum. Der Teich ist abgedeckt, damit der Kater beim Fischen nicht baden geht. Eine fried­li­che Idylle, der Nachbar nutzt das schöne Wetter für Sägear­bei­ten.

Mein Aufnah­me­ge­rät lässt sich nicht einschal­ten, aber er eilt ins Haus, holt ein USB-Kabel und eine Verlän­ge­rungs­schnur. „Das haben wir gleich“, beruhigt er mich. Der Mann kümmert sich, lässt sich nicht so leicht aus der Ruhe bringen. Ein großer, verträg­li­cher Typ, mit dem man leicht ins Gespräch kommt. Bereit­wil­lig erzählt er von sich. Der Kater legt sich vor uns in den Schat­ten.

Dass ich BWL studiert habe, war eher Zufall“, beginnt er. Bereits im Studium bot ihm ein Bekann­ter an, freibe­ruf­lich bei ihm in einer Versi­che­rungs­agen­tur anzufan­gen. Er fand Gefal­len am Thema, beendete sein Studium mit Schwer­punkt Versi­che­rungs- und Finanz­wirt­schaft und blieb dabei. Im Außen­dienst Kunden zu beraten machte ihm mit der Zeit richtig Spaß, der Kontakt zu unter­schied­lichs­ten Menschen liegt ihm. Die Grund­aus­bil­dung für die Zulas­sung zog er neben­bei durch. Er erinnert sich gerne an seine Anfänge: „Als ich den dritten Tag da war, haben wir im Super­markt die Verkäu­fe­rin­nen in der Küche beraten, direkt der nächste Termin war beim Vorstands­vor­sit­zen­den einer großen AG. Das war die Spann­breite, in der man sich dauernd bewegte.“ Inner­halb kürzes­ter Zeit konnte er sich Fachwis­sen aneig­nen und langjäh­rige Mitar­bei­ter schulen.

Nach drei Jahren bot ihm der Chef seinen Posten an und er nahm an. Anfang Dreißig war er Organi­sa­ti­ons­lei­ter, übernahm Führungs­auf­ga­ben. War so gut, dass er sich selbst das Wasser abgrub: Weil es bei ihm im Betrieb funktio­nierte, wurde sein Modell auf alle anderen Organi­sa­ti­ons­ein­hei­ten übertra­gen, seine Spezi­al­or­ga­ni­sa­tion wurde aufge­löst. Anonym wechselte von Köln nach Düssel­dorf und überzeugte wieder: „Das habe ich von Null an aufge­baut in einem Jahr. Eigent­lich waren drei Jahre geplant. Unglaub­lich.“ Zwei Führungs­kräfte starben an Herzin­farkt, gerade Anfang Vierzig, sein Chef will gehen und ihn mitneh­men. Aber Anton Anonym ist in der Region verwur­zelt. Er bleibt.

Er baute Agentu­ren auf und wagte den Schritt in die Selbst­stän­dig­keit. Mit 40 wurde ihm, dem Versi­che­rungs­ex­per­ten mit hoher Inter­netaf­fi­ni­tät, offeriert, bei einem neu gegrün­de­ten, groß angeleg­ten Inter­net­por­tal mitzu­ma­chen. Die Heraus­for­de­rung nahm er gerne an. „Als wir hier in Deutsch­land noch BTX hatten, war ich schon im Inter­net.“ Produkt­ma­nage­ment, Software­ent­wick­lung, Vertrieb, PR – all das fiel ihm leicht, er liebt die Vielfalt der Aufga­ben. „Das hat unheim­lich Spaß gemacht. Beruf­lich gesehen, war es die schönste Zeit“, schwärmt er noch heute.

Nach drei Jahren lösten beide Mutter­ge­sell­schaf­ten das Unter­neh­men auf. Die von ihm entwi­ckelte Software verschwand in der Schub­lade. Als die Hälfte der Mitar­bei­ter entlas­sen wurde, ging er freiwil­lig. „Ich komme aus dem Vertrieb und finde schnell wieder einen neuen Job“, dachte er. Er war noch gut im Geschäft. Wöchent­lich riefen Headhun­ter an, aber Anton Anonym ließ sich nicht abwer­ben. „Wenn etwas so viel Spaß macht, bin ich auch mal bereit zurück­zu­ste­cken“, räumt er ein.

Jetzt griff er zum Hörer und hatte inner­halb von drei Tagen einen neuen Job als Vertriebs­lei­ter in Aachen.  Wieder überholt er sich selbst. Im dritten Jahr ist er so erfolg­reich, dass er bereits im Sommer die Zahlen fürs ganze Jahr erreicht hat. Aber er will weiter, bewirbt sich intern, wird abgelehnt. Sein Chef kommt aus der Kur zurück, reagiert verständ­nis­los und das Mobbing beginnt. „Zwei Abmah­nun­gen, Schikane ohne Ende. Das war für mich die Hölle.“

Anton Anonym erzählte einem Kolle­gen beim Mittag­essen seine Misere. Am Nachbar­tisch: der Regio­nal­di­rek­tor einer anderen Versi­che­rung. Er gab ihm seine Karte und bot ihm eine neue Stelle an, ein reizvol­ler Posten, Bericht direkt an den Vorstand. Und Anton Anonym ergriff die Chance. Einmal angeschla­gen, kam er vom Regen in die Traufe. „Den habe ich falsch einge­schätzt“, bedau­ert er. Drei Tage vor Stellen­an­tritt bot man ihm eine andere Position an, nach einem halben Jahr sollte er aufstei­gen. Er sagte trotz­dem zu, flexi­bel, hoch motiviert. Aber die Voraus­set­zun­gen stimm­ten nicht, es blieb bei leeren Verspre­chun­gen.

Es beginnt zu regnen und wir wechseln ins Wohnzim­mer. Die Einrich­tung ist gedie­gen, schwere, dunkle Holzmö­bel, weiche hellblaue Sofas, auf dem einen eine Katzen­de­cke. „Sind Sie aller­gisch?“, erkun­digt er sich fürsorg­lich und bittet mich, auf dem Sessel Platz zu nehmen. Im Haus räkelt sich eine Langhaar­katze. Der Kater bleibt noch etwas im Garten, wechselt später ins Haus, als es draußen ungemüt­lich wird, will dann doch wieder an die Luft. Ein fried­lie­ben­der Streu­ner, Revier­kämpfe mit anderen Katern inter­es­sie­ren ihn nicht. Er passt gut zu Anton Anonym.

Mit 45 tüftelte er mit einem Bekann­ten ein neues Konzept aus. Inner­halb eines Monats war das Jahres­ziel erreicht. Anton Anonym kann man nichts mehr vorma­chen. Für seine Kunden sucht er stets das Beste aus einer großen Angebots­pa­lette. Er machte sich selbst­stän­dig. Dafür schloss er sich an ein Unter­neh­men an. Für eine sechs­mo­na­tige Grund­ver­gü­tung sollte er auch Aufbau­ar­beit betrei­ben. Die Arbeit machte er, die verspro­chene Vergü­tung und den Nachtrag zum Vertrag erhielt er nicht. Drei Jahre Prozesse zehrten an den Reser­ven. Davon erholt sich keiner so leicht. Er begann von priva­ten Rückla­gen zu leben.

Befris­tete Aufträge als Trainer – „Ich kann gut vermit­teln. Das hat mir immer Spaß gemacht“ – oder freier Mitar­bei­ter kamen, er wechselte mehrfach mühelos von Anstel­lungs­ver­hält­nis­sen zu selbst­stän­di­ger Tätig­keit. Ein Angebot eines Ökomak­lers, Filial­lei­ter zu sein, faszi­nierte ihn. Kolle­gia­li­tät, Umgang, strenge Krite­rien für Nachhal­tig­keit – all das entsprach seinen Wertvor­stel­lun­gen. Man einigte sich schnell. Wieder war seine Filiale die einzige, die schwarze Zahlen schrieb, nach neun Monaten wurde der gesamte Außen­dienst entlas­sen, für eine Abfin­dung zu kurz. „Das war eine Hauruck­ak­tion, am 1.9. habe ich noch einen neuen Mitar­bei­ter einge­stellt, eine Woche später bekamen wir alle die Kündi­gung“, bedau­ert er.

Anton Anonym ist an Neuan­fänge gewöhnt, bringt nicht nur ganze Firmen von Null auf Hundert, sondern auch sich selbst. Er versteht es, sich zu motivie­ren, in kürzes­ter Zeit einzu­ar­bei­ten, Verant­wor­tung zu überneh­men und dabei seinen Werten treu zu bleiben. Ausge­dachte Verkaufs­sto­rys lässt er sich nicht aufzwin­gen: „Ich bin 20 Jahre im Vertrieb. Mir muss keiner aus dem Innen­dienst erzäh­len, wie ich ein Produkt verkaufe.“ Den Kunden fair zu beraten, das ist immer noch sein Anspruch. Ein Abschluss bei ihm hat Hand und Fuß. Den Neuan­fang machte er wieder auf sich gestellt, bis eine Lebens­ver­si­che­rung ein Angebot als Makler­be­treuer machte. Nach drei Monaten wurde umstruk­tu­riert, die letzten drei mussten gehen.

Mit 49 spürte er die Erschöp­fung und gönnte sich einen Monat Ruhe. Aber damit war es nicht getan. Die Ärzte diagnos­ti­zier­ten Burnout, depres­sive Verstim­mung, neben­bei wurde er als hochbe­gabt getes­tet, ist leistungs­fä­hi­ger als andere in seinem Alter. „Ich bin nicht depres­siv, mein Freizeit­ver­hal­ten ist aktiv, ich habe keine Kontakt­pro­bleme“, erklärt er. Er braucht keine Thera­pie, sondern einfach einen neuen Job. Letztes Jahr wurde ihm ein Top-Job angebo­ten, die Chemie stimmte, er fühlte sich sicher und wickelte seine Selbst­stän­dig­keit ab. Dann der Genick­schlag: Der Vertrag kam nicht. Der Betriebs­rat zog einen inter­nen Bewer­ber vor, unqua­li­fi­ziert, noch zu schulen für den Posten, den er mit links geschul­tert hätte. Das war eine Woche vor Weihnach­ten, als er gerade aufge­at­met hatte und sich auf den Neustart im Januar freute.

Seit einem Jahr arbei­tet er wieder selbst­stän­dig und bewirbt sich weiter. Ein fixes Grund­ge­halt gibt es nicht mehr. „Bei manchen Unter­neh­men muss man erst mal Geld mitbrin­gen, um arbei­ten zu dürfen, kein Fixum, kein Vorschuss, keine Chance“, stellt er enttäuscht fest.

Schon in seiner letzten Führungs­po­si­tion wider­strebte ihm, was in Unter­neh­men üblich wurde: „Man ließ neue Leute ins offene Messer laufen, was die Bezah­lung anging. Das Grund­ge­halt baute sich immer mehr ab, im Gegen­zug genauso viel Provi­sion aufzu­bauen, das war gar nicht zu schaf­fen.“ Wenn der Bewer­ber Familie hatte, klärte er ihn auf und riet ihm ab. „Das konnte ich mit meinem Gewis­sen nicht verein­ba­ren.“ Jetzt ist er Bewer­ber, sitzt vor skepti­schen Studi­en­ab­gän­gern, die ein vierwö­chi­ges Prakti­kum im Außen­dienst absol­viert haben, und soll sich recht­fer­ti­gen, Erfolge nachwei­sen – oder wie ein Anfän­ger ganz unten anfan­gen, am liebs­ten erst mal pro bono. Als Selbst­stän­di­ger erhält er kein Überbrü­ckungs­geld, sonst würde er das sogar noch in Erwägung ziehen. „Hättest du damals drei, vier Monate umsonst gearbei­tet, wärst du jetzt wenigs­tens drin“, ärgert er sich im Nachhin­ein.

Dazu kommen Geset­zes­än­de­run­gen. Die Provi­sio­nen wurden gedeckelt, Storno­haf­tungs­zei­ten verlän­gert, die Beitrags­ent­wick­lung ist ungüns­tig. Anton Anonym verdient an seinen Kunden nichts mehr, zahlt sogar noch drauf: „Der Perso­nen­kreis, dem ich guten Gewis­sens eine private Kranken­ver­si­che­rung empfeh­len kann, hat sich auf 20% reduziert. Der Rest fällt weg. Das geht nicht mehr.“

Er will die Branche wechseln. „Ich bin flexi­bel, habe eine breite Inter­es­sen­lage, kann schnell tief einstei­gen“, betont er. Vielleicht wäre er auch ein guter Baube­ra­ter. Das würde ihm Spaß machen. Aber ein Branchen­wech­sel scheint fast unmög­lich. Der Mensch mit seinen Fähig­kei­ten wird nicht gesehen. Der immer gleiche Standard­spruch auf Absage­brie­fen frustriert ihn. Er hat sich früher jeden Bewer­ber persön­lich angese­hen, Chancen gegeben. Jetzt legen andere ihn fest auf Versi­che­run­gen und Finan­zen, stempeln ihn als zu teuer ab, disqua­li­fi­zie­ren ihn als nicht mehr leistungs­fä­hig. Diese Dreis­tig­keit der Jünge­ren lässt ihn nur mit dem Kopf schüt­teln. Anton Anonym steht 20 Jahre nach seinem Studium und 17 Jahre vor dem Renten­al­ter in der Mitte seines Berufs­le­bens: „Ich kann mein Arbeits­le­ben doch jetzt noch nicht gemüt­lich ausklin­gen lassen.“ Überqua­li­fi­ziert und zu alt – das sind die vernich­ten­den Urteile der anderen, die über Existen­zen entschei­den. Stimmt er einem zu niedri­gen Gehalt zu, macht er sich verdäch­tig: „Damit können Sie doch nicht zufrie­den sein.“

Die Langhaar­katze klagt ihr Fressen ein. Anton Anonym kümmert sich sofort. Die Wanduhr tickt.

Seit Monaten konnte er die Raten fürs Haus nicht zahlen. Die Zeit läuft ihm davon. Für Franchi­sing fehlt ihm das Start­ka­pi­tal. Woher soll er 100000 Euro nehmen, wenn er noch nicht mal für die Autora­ten seiner Tochter bürgen darf? Ans Alter denkt er lieber nicht, die Planung, die er mit Dreißig für seine Sechzi­ger machte, beginnt gerade davon­zu­schwim­men. Er denkt ans Jetzt. Die nächs­ten Monate sind entschei­dend. Jetzt werden die Weichen gestellt.

Die Arbeits­lo­sen­sta­tis­tik regt ihn auf. Die wie immer angeb­lich erfreu­li­che Entwick­lung kann er nur belächeln. Viele Ältere sind in der Statis­tik nicht erfasst, jobben, finden nichts mehr. „Darüber redet kein Mensch. Die größten Flaschen sitzen auf ihren Posten und werden reihum versetzt, bis 15 Jahre um sind.“ Sein Schreck­ge­spenst: ein Bekann­ter, der wie er BWL studiert hat, Filial­lei­ter war und jetzt im Schicht­dienst als Hilfs­ar­bei­ter im Flugha­fen­la­ger resigniert hat. „Mit Quali­fi­ka­tion hat das nichts mehr zu tun. Ich glaube, er hat aufge­hört, sich zu bewer­ben“, stellt er fest.

Er gibt nicht auf. Seine Stimmung behält er, weil er sich in anderen Berei­chen Anerken­nung holt. Er arbei­tet als Fußball­trai­ner – auch hier hat er die Gruppe von Null an aufge­baut, wurde zum Jugend­trai­ner des Jahres gekürt –, setzt sich im Förder­ver­ein der Schule ein und hat für sie in den letzten Jahren mehr als 70000€ gesam­melt. Überall zeigt er vollen Einsatz für andere, erreicht mehr als üblich. „In dem Moment, in dem man anfängt, nichts mehr zu tun, sackt man weg“, ist seine Devise.

Noch scheut er sich davor, vom beruf­li­chen Niveau her abzustei­gen, irgend­ei­nen Job zu machen, um etwas Geld zu verdie­nen. Wie soll er das später recht­fer­ti­gen, solange Brüche im Lebens­lauf noch als Makel angese­hen werden? Freun­den Versi­che­run­gen zu verkau­fen, Bekann­ten Kunden abzuwer­ben, in fremde Reviere einzu­drin­gen, das kommt für ihn nicht in Frage. Wenn es gar nicht mehr mit dem Einstieg klappt, wird er vielleicht einfach zu Hause Nachhilfe geben, überlegt er. Im Nachbar­dorf macht das jemand seit Jahren und pflegt noch die kranke Mutter neben­bei, hörte er neulich beim Fußball­trai­ning der Mädchen­gruppe. Den guten Draht zur Schule hat er ja bereits. Der Mann lässt sich nicht unter­krie­gen.

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